Skip to content

Sparpaket stoppt Berlins Regierungsviertel: Was vom Luisenblock noch übrigbleibt

Luisenblock (Rendering)

Ein Großprojekt gerät ins Wanken


Im Berliner Regierungsviertel, direkt am Spreeufer, liegt eine der hartnäckigsten Entwicklungsflächen der Hauptstadt. Das Areal zwischen Schiffbauerdamm, Luisenstraße, Stadtbahntrasse und Bahnhof Friedrichstraße trägt den Namen „Luisenblock Ost” und beschäftigt Planer, Politiker und Juristen seit mehr als zwei Jahrzehnten. Nun könnte der zweite und größere Teil des Projekts, der sogenannte „Luisenblock-Ost II”, vorerst nicht realisiert werden. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour sprechen sich nach Angaben der Bundestagsverwaltung für einen Stopp aus. Mindestens 600 Millionen Euro reine Baukosten sollen eingespart werden.
Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ende Mai soll die Bau- und Raumkommission des Bundestags in einer Sondersitzung über die Empfehlung beraten. Nouripour, der das Gremium leitet, hat bereits den Regierenden Bürgermeister Berlins, Kai Wegner, sowie das Bundesbauministerium informiert.

Was geplant war


Das Projekt war ambitioniert. Auf dem rund 47.000 Quadratmeter großen Areal sollte ein gemischtes Stadtquartier entstehen: Bundestagsbüros, Ausschusssitzungssäle, Büroflächen der ver.di-Vermögensverwaltung, Wohnungen sowie wohnbegleitende Einrichtungen. Zudem war geplant, die historischen Stadtbahnbögen in ein neues Nutzungskonzept einzubinden.
Die Planungsgeschichte des Areals reicht weit zurück. Bereits 2009 hatte das Architekturbüro Kusus und Kusus einen Entwurf vorgelegt, der das „Band des Bundes” von Axel Schultes und Charlotte Frank städtebaulich fortführen sollte. Der Entwurf scheiterte jedoch vor allem am Widerstand der Gewerkschaft ver.di, der damaligen Eigentümerin eines denkmalgeschützten Altbaus am Schiffbauerdamm. Erst nach Jahren mühsamer Verhandlungen und einem Grundstückstausch zwischen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und ver.di konnte das Projekt neu aufgesetzt werden.


Erster Teilwettbewerb: Ein Siegerentwurf mit Qualitäten


Im Februar 2024 wurde der erste Teilwettbewerb für den „Luisenblock-Ost I” entschieden. Den ersten Platz belegte das Büro Atelier Kempe Thill Thörner Kaczmarek mit einem Entwurf, der die Jury überzeugte. Vorgesehen ist ein Kopfbau am Schiffbauerdamm, der sich in Höhe und Proportion an den Bauten des „Band des Bundes” orientiert. Besonderes Merkmal: große, zweigeschossige Stadtloggien, die den Ausschusssitzungssälen vorgelagert sind. Der Entwurf greift sowohl architektonische Prinzipien des „Band des Bundes” als auch die Materialität der historischen Industriebauten auf.
Geplant ist zudem ein großzügiger, zur Spree orientierter öffentlicher Freibereich, der auch als Außengastronomie genutzt werden kann. Die Auslobung setzte hohe Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz. Nach dem Lowtech-Prinzip sollen robuste, wartungsarme Lösungen gegenüber komplexen technischen Systemen bevorzugt werden. Realisiert werden soll das Gebäude in Holzhybridbauweise.
Dieser erste Bauabschnitt soll trotz der aktuellen Spardebatte weitergebaut werden. Die Bau- und Raumkommission hat hier bereits Einsparungen von rund 135 Millionen Euro beschlossen, die Arbeiten sollen zeitnah beginnen. Entstehen werden Bundestagsbüros und abhörsichere Tagungsräume.


Haushaltsdruck als Planungsbremse


Klöckner begründet den möglichen Stopp des zweiten Bauabschnitts mit der Haushaltslage. Der Bundestag solle bei knappen Kassen keine teuren Erweiterungen vorantreiben, die nicht zwingend nötig seien. Nouripour verwies auf ausufernde Baukosten. Es ist nicht das erste Mal, dass ein großes Bauprojekt des Bundes aus Kostengründen zurückgestellt wird. Bereits 2023 verzichtete das Bundesfinanzministerium auf einen geplanten Erweiterungsbau in Berlin-Mitte, damals mit dem Argument des geringeren Flächenbedarfs durch mobiles Arbeiten.

Luisenblock (Modell)

Offene Fragen für das Areal


Sollte der Bundestag tatsächlich aus dem zweiten Bauabschnitt aussteigen, stehen Bund und Land Berlin vor der Frage, wie das Areal am Schiffbauerdamm künftig entwickelt werden soll. Die Fläche gehört seit Jahren zu den zentralen Entwicklungsgebieten im Regierungsviertel. Eine Neubebauung ohne den Bundestag als Hauptnutzer würde das gesamte Planungskonzept grundlegend verändern. Ob und in welcher Form das Areal neu gedacht wird, ist derzeit offen.
Für Architektinnen und Architekten, die mit öffentlichen Auftraggebern arbeiten, illustriert der Fall eindrücklich, wie politische und fiskalische Rahmenbedingungen selbst weit fortgeschrittene Planungsprozesse jederzeit unterbrechen können. Ein Wettbewerb, ein Siegerentwurf, jahrelange Abstimmungen: All das schützt nicht vor dem Rotstift, wenn der Haushalt es verlangt

Den neuen HOAI-Kommentar können Sie direkt hier bestellen:

Diesen Artikel teilen: