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Zweite Chance für Berlins ICC – mit Kunst, Kultur und 100 Meter Höhe

© GRAFT GmbH_Max Dudler GmbH

Ein Koloss wartet auf seine Bestimmung

 

Das ICC ist kein gewöhnliches Gebäude. Mit rund 300 Metern Länge, 80 Sälen und 14.500 Sitzplätzen zählt es zu den größten Kongresszentren, die Deutschland je gebaut hat. Seit 2019 steht es unter Denkmalschutz. Und seit Jahren stellt sich die Frage, was aus dem stählernen Giganten im Berliner Westend werden soll. Ideen gab es viele: vom Kongresshotel bis zum Gewächshaus, von der Flüchtlingsunterkunft bis zum Corona-Impfzentrum. Keine davon führte zu einem tragfähigen Konzept.

 

Das hat sich nun geändert. Ein Konsortium aus neun Unternehmen und Architekturbüros – darunter Arup, Hochtief, die Graft-Architektengesellschaft, das Büro Max Dudler sowie Coloured Fields und schneider+schumacher – hat ein Nutzungskonzept entwickelt, das das ICC zu einem Ort für Kunst, Kultur, Gastronomie, Forschung und Kreativwirtschaft machen soll. Täglich sollen sich dort zwischen 5.000 und 10.000 Menschen aufhalten. Ein „24/7-Betrieb” ist das erklärte Ziel.

Was aus den Sälen werden soll

 

Für Architekten und Bauplaner ist das Konzept in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Die Projektpartner unterscheiden klar zwischen dem, was erhalten bleibt, und dem, was neu gedacht wird. Saal 1 soll in seiner ursprünglichen Form bestehen bleiben und künftig für Konzerte, Kongresse und Veranstaltungen genutzt werden. Saal 2 hingegen wird grundlegend umstrukturiert: Aus heute rund 4.000 Quadratmetern Nutzfläche sollen bis zu 14.000 Quadratmeter entstehen, die Raum für Ausstellungen, Bildung, Forschung, Mode oder immersive Formate bieten. Allein diese Transformation innerhalb des denkmalgeschützten Bestands stellt eine planerische Herausforderung dar, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

 

Je nach Betrachtungsweise umfasst das Gebäude zwischen 145.000 und 200.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. All diese Flächen müssen neu konzipiert, saniert und bespielt werden.

 

Zwei neue Hochpunkte verändern das Stadtbild

 

Das Konzept geht jedoch weit über den Bestand hinaus. An beiden Enden des ICC sollen neue Hochpunkte entstehen, die das Gebäude erschließen und ergänzen. Am Südende, wo heute noch ein Parkhaus steht, soll ein Neubau namens „M11″ errichtet werden. Zwischen Messedamm und ICC entsteht dabei ein begrünter Stadtplatz als neuer südlicher Eingang.

 

Noch ambitionierter ist das Vorhaben auf der Nordseite: Auf einem Parkplatz jenseits der Neuen Kantstraße soll das Hochhaus „M09″ entstehen, rund 100 Meter hoch, mit Büros, Wohnungen, Handel und einem Hotel. Auf dem Dach ist eine öffentlich zugängliche Terrasse geplant, die erstmals einen freien Blick auf das ICC von oben ermöglichen soll. Beide Neubauten sind baulich vom historischen Bestand getrennt, sollen aber optisch Teil eines neuen Ensembles werden.

 

Thomas Willemeit vom Büro Graft hob die hervorragende Verkehrsanbindung des Standorts hervor und gab sich optimistisch: Das ICC werde wieder „von innen leuchten”. Björn Werner vom Büro Max Dudler erläuterte das städtebauliche Konzept, das beide Seiten des Gebäudes gleichwertig betont und mit neuen Plätzen aufwertet.

© GRAFT GmbH_Max Dudler GmbH

Finanzierung: Die entscheidende Frage bleibt offen

 

So überzeugend das Konzept in seiner Gesamtanlage wirkt, so offen sind die wirtschaftlichen Grundlagen. Das Land Berlin hat klargestellt, dass es keine direkten Zuschüsse leisten wird. Stattdessen soll das Projekt über drei Erbbaurechtsverträge mit einer Laufzeit von jeweils 99 Jahren realisiert werden. Die Kosten für die beiden geplanten Hotels werden auf jeweils 150 bis 200 Millionen Euro geschätzt. Die Sanierung des Hauptgebäudes allein dürfte nach vorsichtigen Schätzungen mehr als 400 Millionen Euro verschlingen. Das Gesamtvolumen wird im Milliardenbereich liegen.

 

Birgit Möhring, Geschäftsführerin der Berliner Immobilienmanagement GmbH, machte deutlich, dass das größte Vergabeverfahren in der Geschichte der BIM nun in eine bis zu zweijährige Verhandlungsphase übergeht. Ende 2028 soll das Berliner Abgeordnetenhaus endgültig über die Vergabe entscheiden.

Franziska Giffey, Berliner Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, betonte, dass finanzstarke Mieter eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des Projekts seien. Im Gespräch ist unter anderem eine temporäre Nutzung durch die Berliner Philharmoniker, deren eigenes Haus ab 2032 saniert werden muss. Auch die Zentral- und Landesbibliothek wird als mögliche Mieterin gehandelt. Denkbar sei sogar ein Lagezentrum für den Katastrophenschutz im Untergeschoss.

 

Dass das Vorhaben trotz allem scheitern könnte, schloss Möhring nicht aus. Die Grünen kritisierten, dass nach drei Jahren Investorensuche noch immer kein durchfinanziertes Konzept vorliege und die endgültige Entscheidung erneut in die Ferne verschoben werde. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner widersprach und sprach von einer „echten Perspektive” nach Jahren des Stillstands.

 

Für Architekten und Bauplaner bleibt das ICC Berlin ein Projekt von außergewöhnlicher Komplexität: denkmalgeschützter Bestand, Milliardeninvestition, politische Abhängigkeiten und ein Nutzungsmix, der in dieser Form in Deutschland noch nicht erprobt wurde. Ob der Koloss tatsächlich erwacht, wird sich frühestens 2028 zeigen.

 

© GRAFT GmbH_Max Dudler GmbH

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