Brauturm wird Kletterhalle: Umbau mit Vorbildcharakter in der Oberpfalz
Tirschenreuth ist keine Stadt, in der man spektakuläre Architektur erwartet. Die Kleinstadt in der Oberpfalz mit rund 8.500 Einwohnern ist bekannt für ihren Fischteichgürtel und eine beschauliche Altstadt. Seit 2025 hat sie jedoch auch ein Gebäude, das in Fachkreisen Aufmerksamkeit erregt: das neue Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins, untergebracht in der Hülle einer ehemaligen Brauerei.
Bestand als Ausgangspunkt
Das Projekt des Büros Brückner & Brückner mit Hauptsitz in Tirschenreuth ist ein Paradebeispiel für das, was in der Architektur unter dem Begriff „Weiterbauen” verstanden wird. Statt abzureißen und neu zu errichten, haben die Planer die vorhandene Bausubstanz als Ressource begriffen. Die bestehende Hülle des ehemaligen Brauturms bleibt funktional intakt, das Volumen wurde lediglich vertikal erweitert. Graue Energie, also die in den Baumaterialien bereits gebundene Energie, bleibt so im Gebäude gespeichert. Der ökologische Fußabdruck des Projekts ist damit deutlich geringer, als es ein Neubau gewesen wäre.
Für Architekten und Bauplaner ist dieser Ansatz aus mehreren Gründen relevant. Er zeigt, dass Bestandsgebäude auch dann eine Zukunft haben können, wenn ihre ursprüngliche Nutzung längst weggefallen ist. Und er demonstriert, wie sich industrielle Bausubstanz in eine zeitgemäße Sportstätte verwandeln lässt, ohne ihre Geschichte zu verleugnen.
Industrielle Atmosphäre als Gestaltungselement
Die Architekten haben die Herkunft des Gebäudes bewusst sichtbar gelassen. Bereits im Eingangsbereich erinnern kupferfarbene Wände des Bistros an die Optik von Braukesseln. Die Fassaden mit Lisenen, Gesimsen und klarer Geschossgliederung machen die Historizität des Gebäudes ablesbar.
Großformatige Öffnungen schaffen Bezüge zwischen dem Stadtraum außen und dem Innenraum. Das Gebäude öffnet sich zur Stadt, ohne seine industrielle Vergangenheit zu verbergen.
Hinter dem Bistro öffnet sich der Blick in die eigentliche Kletterhalle: 14 Meter hoch, lichtdurchflutet, mit 60 Kletterrouten im Innenbereich. Weitere 20 Routen befinden sich an der Ostfassade des Gebäudes und sind von außen zugänglich. Die gesamte Kletterfläche beträgt 590 Quadratmeter.
Technische Autarkie als Ziel
Energetisch setzt das Projekt auf ein Konzept, das weitgehende Unabhängigkeit vom öffentlichen Netz anstrebt. Ein Eisspeicher in Kombination mit Solarthermie versorgt Heizung und Deckenstrahlplatten. Ergänzt wird das System durch eine Photovoltaikanlage mit Stromspeicher zur Eigenversorgung. Das Gebäude arbeitet damit nahezu autark, was angesichts steigender Energiekosten und verschärfter Anforderungen an die Gebäudetechnik ein zukunftsweisendes Signal ist.
Für Bauplaner, die ähnliche Projekte im Bestand realisieren wollen, ist die Kombination aus Eisspeicher und Solarthermie besonders interessant. Sie eignet sich vor allem für Gebäude mit unregelmäßigem Nutzungsprofil, wie es bei Sportstätten häufig der Fall ist, und lässt sich gut in bestehende Strukturen integrieren.
Ein neuer Treffpunkt für die Stadt
Das Kletterzentrum ist nicht nur eine Sportstätte. Es ist auch ein Beitrag zur Stadtentwicklung in einer Region, die mit dem Rückgang traditioneller Industrien umgehen muss. Die Brauerei, die das Gebäude einst beherbergte, ist Geschichte. Die Stadt Tirschenreuth hat an ihrer Stelle einen Ort geschaffen, der Menschen unterschiedlicher Altersgruppen anzieht und dem Stadtzentrum eine neue Qualität gibt.
Beim Tag der Architektur 2026 wurde das Projekt der Bayerischen Architektenkammer als Beispiel für gelungenes Weiterbauen präsentiert.
Das Kletterzentrum Tirschenreuth ist ein kleines Projekt in einer kleinen Stadt. Aber es stellt Fragen, die weit über die Oberpfalz hinausreichen: Wie gehen wir mit dem baulichen Erbe der Industriegesellschaft um? Welche neuen Nutzungen können in alten Hüllen entstehen? Und wie lässt sich das alles so realisieren, dass Energie gespart, Geschichte bewahrt und Gemeinschaft gestärkt wird? Brückner & Brückner haben darauf eine überzeugende Antwort gegeben.
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