Das Klinkerkleid: Herzog & de Meuron verwandeln Hannovers ehemaliges Kaufhof-Gebäude
Ein Gebäude, das die Stadt in Verlegenheit bringt
Gegenüber der Marktkirche, am Übergang zwischen Altstadt und Innenstadt, steht in Hannover seit knapp drei Jahren ein Gebäude leer, das man nicht übersehen kann. Das ehemalige Kaufhof-Haus an der Schmiedestraße ist kein kleines Problemkind. Mit einer Bruttogeschossfläche von rund 50.000 Quadratmetern und einer Kubatur, die den Maßstab der angrenzenden historischen Altstadt sprengt, ist es ein städtebaulicher Fremdkörper. Gleichzeitig ist es zu groß, um ignoriert zu werden, und zu präsent, um einfach abgerissen zu werden.
Der Eigentümer, der Hannoveraner Unternehmer Oliver Blume, hat im Dezember 2025 in Abstimmung mit dem Baudezernat der Landeshauptstadt eine Ideenkonkurrenz ausgelobt. Sechs namhafte Architekturbüros reichten Entwürfe ein. Im Februar 2026 tagte die Jury und fällte eine klare Entscheidung: Das Schweizer Büro Herzog & de Meuron gewann mit einem Konzept, das intern den Projektnamen „The Box Hannover” trägt.
Das Klinkerkleid als städtebauliche Antwort
Der Kern des Entwurfs ist so einfach wie überzeugend: Das Gebäude erhält ein neues Fassadenkleid aus Klinker. Nicht als historisierende Verkleidung, sondern als bewusste Positionierung innerhalb der Backsteinarchitektur Hannovers. Die Stadt hat eine starke Tradition öffentlicher Ziegelbauten, von Schulen über Kirchen bis hin zu Verwaltungsgebäuden. Herzog & de Meuron knüpfen daran an und übersetzen diese Tradition in eine zeitgemäße, zweischichtige Fassadenkonstruktion.
Die äußere Hülle besteht aus einer selbsttragenden, vertikal strukturierten Klinkerfassade mit rötlichen, teils glasierten Klinkerriemchen. Vor- und Rücksprünge sowie unterschiedliche Fassadentiefen lösen die Blockhaftigkeit des Bestandsbaus auf und erzeugen ein lebendiges Licht- und Schattenspiel. Dahinter liegt eine transparente thermische Hülle aus Glas, die maximale Tageslichtversorgung für die tiefen Grundrisse ermöglicht. Zwischen beiden Schichten entsteht ein differenziert ausgebildeter Fassadenzwischenraum, der je nach Nutzung variiert und teilweise als Pausen- und Aufenthaltsbereich für Schülerinnen und Schüler dient.
Die vertikalen Klinkerriemchen-Lisenen sind als vorgefertigte Stahlleichtbauelemente konzipiert. Durch den Erhalt der bestehenden Fassadenlinien werden aufwändige konstruktive Ertüchtigungsmaßnahmen vermieden, was Ressourcen schont und die Wirtschaftlichkeit des Projekts stärkt. Angestrebt wird der Energiestandard KfW55, ergänzt durch großflächige Photovoltaikflächen auf den Dächern der neuen Wohnbauten.
Nutzungsmix als Antwort auf den Strukturwandel
Was das Projekt über die Fassadengestaltung hinaus interessant macht, ist das Nutzungskonzept. Das Gebäude soll nicht einfach einen neuen Mieter bekommen, sondern grundlegend umprogrammiert werden. Im Erdgeschoss sind Laden- und Gastronomieflächen vorgesehen, die den Straßenraum beleben sollen. Darüber erstreckt sich über drei Etagen eine Berufsschule: Die BBS Cora Berliner soll ab 2027 mit knapp 4.000 Schülerinnen und Schülern einziehen, die Region Hannover hat das Gebäude hierfür bereits angemietet.
Der Eingang der Schule wird durch eine in die Klinkerfassade integrierte Beschriftung akzentuiert und erhält damit eine eigenständige Adresse im Stadtraum. Eine Stadtloggia im ersten Obergeschoss öffnet die dahinterliegende Aula der Schule mit Blick auf die Marktkirche und den Hanns-Lilje-Platz. Auf dem Dach entstehen Wohnappartements, eine Sporthalle und ein Dachgarten als gemeinschaftlich nutzbarer Aufenthaltsort.
Warum dieser Entwurf Maßstäbe setzt
Für Architekten und Bauplaner ist “The Box Hannover” aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens zeigt der Entwurf, wie ein maßstabssprengender Bestandsbau durch eine kluge Fassadenstrategie in seinen städtischen Kontext eingebunden werden kann, ohne seine Kubatur zu verändern. Zweitens demonstriert er, wie der Nutzungsmix als Planungsinstrument funktioniert: Schule, Wohnen, Gastronomie und Einzelhandel ergänzen sich und sorgen für Belebung zu unterschiedlichen Tageszeiten. Drittens ist der Low-Tech-Ansatz bei der Energiekonzeption bemerkenswert: Textile Vertikalrollos, die Bestandsgeometrie und eine optimierte Tageslichtnutzung ersetzen aufwändige technische Systeme.
Die Entwürfe aller sechs teilnehmenden Büros sind noch bis zum 8. Mai 2026 in der Bauverwaltung der Landeshauptstadt Hannover am Rudolf-Hillebrecht-Platz 1 öffentlich ausgestellt. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, hat also noch bis zum 8. Mai Gelegenheit dazu.
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