DAM Preis 2026: Wie das ZK/U mit wenig Geld maximale Wirkung entfaltet
Man kann ein Gebäude erweitern und zugleich eine Haltung bauen. Das ist vielleicht die treffendste Beschreibung für das ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik in Berlin Moabit, das den DAM Preis 2026 erhält. Die Auszeichnung würdigt nicht nur ein kluges architektonisches Konzept, sondern auch eine rare Kombination aus sozialer Offenheit, konstruktiver Klarheit und bemerkenswerter Wirtschaftlichkeit.
Für die Planer und Planerinnen liegt der Reiz des Projekts genau darin: Es ist kein Prestigeobjekt, sondern ein weitergeschriebener Bestand, der sich als Stadtbaustein behauptet
Vom Leerstand zur sozialen Infrastruktur
Ausgangspunkt war eine leerstehende Güterbahnhofanlage südlich des Westhafens, direkt am S Bahn Ring. Der Bezirk wollte das Gelände als öffentlichen Stadtgarten entwickeln und suchte für das Bestandsgebäude eine gemeinnützige Institution, die Verantwortung übernimmt, kulturelle Impulse setzt und zugleich eine Art soziale Präsenz im Park ermöglicht. Das Künstlerkollektiv KUNSTrePUBLIK e.V. überzeugte mit der Idee einer Kunstresidenz, die Nachbarschaftsarbeit mit internationaler Stadtdiskussion verbindet. 2012 entstand daraus das ZK/U mit einem Programm, das von Künstler-Residenzen über Stadtforschung bis zu Kino, Konzerten, Vorträgen und Kiezmärkten reicht.
Dass solche Orte wachsen, ist fast zwangsläufig. Der Bedarf an Raum stieg, die ursprünglichen Flächen wurden zu klein. Die zentrale Frage lautete daher nicht ob erweitert wird, sondern wie, ohne den Park zu beschädigen. Der Freiraum sollte unangetastet bleiben, zusätzliche Versiegelung war ausgeschlossen. Diese Setzung ist für die Planung entscheidend, weil sie die Lösung praktisch vorgibt: Die bebaubare Fläche bleibt innerhalb der Konturen des Bestands.
Die Idee der Aufstockung und die Logik des Weiterbauens
Peter Grundmann Architekten entschieden sich für eine Aufstockung der ehemaligen Lagerhalle. Das Dach wurde entfernt, Wände und Decken blieben erhalten, ebenso der Gewölbekeller. Damit wird der Bestand nicht zum bloßen Träger für Neues degradiert, sondern bleibt atmosphärisch und räumlich der Kern des Projekts. Der industrielle Charakter wird nicht geglättet, sondern bewusst bewahrt. Selbst rohe Oberflächen, Spuren der Nutzung und Graffitis bleiben sichtbar.
Neu hinzu kommt eine klare Stahltragstruktur, die zusätzliche Lasten sichtbar abträgt. Wo Wände nicht mehr tragen müssen, dürfen sie trotzdem stehen bleiben. Diese Entscheidung ist ebenso gestalterisch wie pragmatisch: Sie spart Eingriffe, erhält Substanz und hält die Geschichte des Ortes präsent. Für Architekten und Ingenieure ist das ein Lehrstück in konstruktiver Ehrlichkeit. Tragwerk wird hier nicht versteckt, sondern erklärt.
Eine zweite Hülle als Klimapuffer statt klassische Dämmung
Besonders prägnant ist die neue Raumschicht um den Altbau. Eine leichte Konstruktion aus Glas und minimalem Stahl legt sich wie eine zweite Haut um die bestehenden Ziegelwände. Sie hält Abstand, auf der Südseite etwa 1,80 Meter, auf der Nordseite bis zu sechs Meter. Dadurch entstehen im Erdgeschoss neue galerieartige Zwischenräume, die zugleich Erschließung, Aufenthaltszone und klimatischer Puffer sein können.
Diese Hülle erfüllt mehrere Aufgaben auf einmal. Sie schützt den Bestand vor Witterung, verbessert den Wärmeschutz ohne die Ziegelwände klassisch zu dämmen, und macht die Halle ganzjährig nutzbar. Für die Praxis ist das hoch relevant: Energetische Anforderungen werden nicht nur über Materialaufbau gelöst, sondern über Raumprinzipien. Eine ephemere, leichte Schicht ersetzt den Reflex, alles massiv zu verkleiden. Gleichzeitig wirkt sie als Windfang und Foyer auf der Eingangsseite und schafft auf der Gartenseite zusätzliche Räume, teils mit Bar und informellen Nutzungen.
Erschließung außen, Räume innen frei
Die neue Ebene wird über Außentreppen und einen umlaufenden Laubengang erschlossen. Ein innen liegendes Treppenhaus gibt es nicht. Das ist mehr als ein gestalterischer Kniff. Es ist eine Entscheidung zugunsten der Nutzfläche und der Wandelbarkeit. Innen bleiben die Räume weitgehend frei, sie können als Workshopflächen, Probenräume, Seminarräume oder Studios funktionieren. Der Laubengang erlaubt Zugänge von innen und außen, was für Veranstaltungen und parallele Nutzungen ein echter Vorteil ist.
Oben entsteht zusätzlich eine große Dachterrasse, die als urbane Bühne genutzt werden kann. Der Blick über Westhafen und Stadt ist Teil des Programms, nicht bloße Aussicht. Damit wird die Dachfläche zum öffentlichen Raum, ein Motiv, das im Kulturbau zunehmend wichtiger wird, weil es Schwellen senkt und Begegnung ermöglicht.
Robust, flexibel, und erstaunlich günstig
Die Baukosten sind ein eigenes Kapitel. Das Projektbudget für alle Kostengruppen liegt bei rund 6,166 Millionen Euro. Je nach Berechnung werden etwa 2.029 bis 2.489 Euro pro Quadratmeter genannt. Für einen Kulturbau in dieser Lage und in dieser Ausstattungslogik ist das außergewöhnlich. Mehrere Faktoren tragen dazu bei: der konsequente Erhalt der Substanz, die sichtbare, unkomplizierte Materialität, und ein hoher Anteil an Eigenleistung, insbesondere bei komplexen Fassadendetails.
Gerade dieser Punkt ist für die Branche interessant. Hier wird nicht mit spektakulären Sonderlösungen gespart, sondern mit Konsequenz. Tragwerk, Installationen und technische Systeme bleiben sichtbar. Leitungen und Trassen sind Teil der Architektur. Das reduziert Ausbauaufwand, erleichtert spätere Anpassungen und hält den Betrieb flexibel. Es ist ein Ansatz, der nicht nur Kosten spart, sondern auch Umbaufähigkeit als Nachhaltigkeitsfaktor ernst nimmt.
Bauen unter Druck mit Zielerreichung
Die Bauphase verlief unter schwierigen Rahmenbedingungen. Ausschreibung und Vergabe fielen in die Corona Zeit, Angebote kamen zögerlich oder zu hohen Preisen, der Rohbau musste mehrfach ausgeschrieben werden. Dazu kamen Materialpreissteigerungen. Auch technisch gab es Überraschungen: Teile der Kellerwände erwiesen sich als nicht ausreichend tragfähig für das neue Stahltragwerk, zusätzliche Stützen und Fundamente wurden notwendig. Dass das Projekt dennoch innerhalb des bewusst knapp bemessenen Budgets blieb, erklärt auch, warum es als Beispiel für wirtschaftliche Präzision gilt.
Ein preisgekröntes Signal und eine offene Frage
Der DAM Preis 2026 zeichnet mit dem ZK/U ein Projekt aus, das die aktuelle Richtung im Bauen sehr klar spiegelt: Weiterbauen im Bestand, robuste Strukturen, niedrige Schwellen, Orte der Begegnung statt ikonischer Solitäre. Für Sie als Planerinnen und Planer ist das ZK/U deshalb mehr als ein Kulturgebäude. Es ist ein Argument, dass man mit begrenzten Mitteln hohe räumliche Qualität erzeugen kann, wenn man den Bestand nicht als Problem betrachtet, sondern als Ressource.
Gleichzeitig bleibt eine unbequeme Wahrheit: Solche Orte sind soziale Infrastruktur. Ihre Wirkung reicht weit über Architektur hinaus, sie hängt an Betrieb, Programm und verlässlicher Förderung. Wenn Kulturförderung gekürzt wird, trifft das nicht nur Veranstaltungen, sondern das, was Städte heute dringend brauchen: offene Räume, die Nachbarschaft, Diskurs und Teilhabe tragen.
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