Holz, Rutschen und eine Himmelswiese: Die außergewöhnlichste Kita Münchens
Wer die Gabelsbergerstraße in München kennt, weiß, dass sie keine Straße ist, die man besonders aufmerksam betrachtet. Zwischen Altbauten und Nachkriegsarchitektur reihen sich die Fassaden gleichmäßig aneinander. Seit wenigen Wochen zieht jedoch ein Gebäude die Blicke auf sich, das in dieser Umgebung wie ein Fremdkörper wirkt – und genau das sein soll. Eine Hülle aus rostroten Stahllamellen faltet sich zur Straße, darüber ragt ein runder Holzaufbau wie eine Krone in den Himmel. Wo seit dem Zweiten Weltkrieg eine Baulücke klaffte, die zuletzt als Parkplatz genutzt wurde, steht heute die neue „Kinderoase” der Technischen Universität München.
Ein Europäisches Debüt mit Gewicht
Das Gebäude ist mehr als eine Kita. Es ist das erste dauerhaft realisierte Bauwerk des Architekten Francis Kéré auf europäischem Boden. Kéré, der seit 2017 an der TUM lehrt erhielt 2022 den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung in der Architektur. Sein Werk ist geprägt von der Überzeugung, dass Gebäude Menschen zusammenbringen, Neugier wecken und das Stadtbild bereichern sollen. In München hat er diese Haltung in einem fünfgeschossigen Holzbau mit 60 Betreuungsplätzen übersetzt.
Für Architekten ist das Projekt aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zunächst wegen des Materials: Bis auf das außenliegende Fluchttreppenhaus entstand das Gebäude nahezu vollständig aus Holz. Für einen fünfgeschossigen Bau in einer dichten Innenstadt ist das eine Aussage. Kéré versteht sie als Antwort auf die Herausforderungen des zeitgenössischen Bauens: „Heute, wo wir über Überhitzung, globale Erwärmung und Materialknappheit reden, ist es wichtig zu zeigen, was man mit Holz schaffen kann.”
Vertikales Spielen als Entwurfsprinzip
Das Raumkonzept folgt einer ebenso klaren wie ungewöhnlichen Logik. Statt langer Flure führt ein rundes Treppenhaus durch alle Geschosse. Zwei hölzerne Rutschen verbinden die Ebenen miteinander. Oben wartet die Dachterrasse mit der sogenannten „Himmelswiese”. Kéré nennt das einen „vertikalen Spielraum”, der Kinder zum Entdecken einlädt. Die zentrale Botschaft des Gebäudes, so der Architekt bei der Schlüsselübergabe, sei: „spielen. Nochmal spielen, toben, rennen, inspiriert werden.”
Was sich nach einer romantischen Idee anhört, ist in Wirklichkeit ein durchdachtes Konzept für die Nutzung von Fläche in der Stadt. Statt horizontal zu wachsen, was auf dem schmalen Grundstück in der Baulücke ohnehin nicht möglich gewesen wäre, entwickelt sich das Gebäude vertikal. Jedes Geschoss hat eine eigene Qualität, jeder Weg durch das Haus ist gleichzeitig ein Erlebnis.
Natürliche Belüftung statt Klimatechnik
Technisch setzt das Gebäude auf natürliche Belüftung. Trotz sommerlicher Temperaturen bleibt das Innere angenehm kühl, ohne dass dieser Komfort allein durch aufwendige Haustechnik erzeugt wird. Das ist in Zeiten steigender Energiekosten und wachsender Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz ein Ansatz, der weit über dieses einzelne Projekt hinausweist.
Die Fassade aus rostroten Stahllamellen übernimmt dabei eine doppelte Funktion: Sie schützt vor direkter Sonneneinstrahlung und schafft gleichzeitig ein unverwechselbares Erscheinungsbild. Der runde Holzaufbau im obersten Geschoss sorgt für natürliches Licht und verbindet das Gebäude optisch mit dem Himmel über der Stadt.
Eine Schenkung mit gesellschaftlicher Botschaft
Finanziert wurde der Bau von der Unternehmerin und TUM-Ehrensenatorin Ingeborg Pohl, die das Gebäude der Universität schenkt. Ihre Motivation ist klar: „Mit dieser Kinderoase erfüllt sich mein Wunsch, leistungsstarke Frauen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen.”
Die 60 Betreuungsplätze sollen Forschenden und Beschäftigten der TUM den Alltag erleichtern. Pohl wollte dabei bewusst kein gewöhnliches Gebäude.
Dass ausgerechnet eine Kindertagesstätte zum architektonischen Experiment wurde, ist kein Zufall. Es zeigt, dass außergewöhnliche Architektur nicht zwingend an außergewöhnliche Bauaufgaben gebunden ist. Manchmal braucht es nur eine Bauherrin mit Haltung und einen Architekten, der weiß, was er sagen will.
Ein Kreis schließt sich
Für Francis Kéré hat das Projekt auch eine persönliche Dimension. Vor rund 40 Jahren kam er aus Burkina Faso nach Deutschland. Seine erste Station war München. Er sprach kein Deutsch, erlebte zum ersten Mal Winterkälte und begann hier seinen Weg in die Architektur. Heute steht ausgerechnet in dieser Stadt sein erstes dauerhaftes Gebäude in Europa.
Diese biografische Ebene verbindet sich mit seinem Verständnis von Architektur als gesellschaftlicher Praxis. Gebäude sollen nicht bewundert werden müssen, sondern ganz selbstverständlich Teil des Lebens werden. Ob das gelungen ist, werden in wenigen Wochen die Kinder beurteilen, die durch das Treppenhaus rennen, die Rutschen hinuntersausen und auf der Dachterrasse Tomaten wachsen sehen.
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