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Kintsugi am Bodensee: Der Umbau des Telekom-Hochhauses in Konstanz als Modell für die Zukunft

Außenansicht Hochhaus Telekomareal Konstanz
© Copyright: BPD

Manchmal ist das Mutigste, was man mit einem Gebäude tun kann, es nicht abzureißen. Das Telekom-Hochhaus an der Moltkestraße in Konstanz stand jahrelang leer, galt als städtebaulicher Fremdkörper und war in seiner monolithischen Erscheinung aus den 1970er Jahren kaum mit dem historischen Umfeld der Altstadt zu vereinbaren. Der Abriss wäre die naheliegende Lösung gewesen. Sauerbruch hutton und Bauherr BPD Immobilienentwicklung entschieden sich für den anderen Weg.


Das Ergebnis ist ein Wohngebäude mit 98 Einheiten, das 2026 fertiggestellt wurde und in mehrfacher Hinsicht als Referenzprojekt für den Umgang mit dem Bestand taugt

Graue Energie als Ressource


Der zentrale Ansatz des Projekts ist die konsequente Nutzung der im Bestand gebundenen grauen Energie. Von der ursprünglichen Rohbaustruktur konnten 93 Prozent erhalten und weitergenutzt werden. Das entspricht einer CO2-Einsparung von knapp 2.300 Tonnen gegenüber einem Neubau.


Dass dieser Ansatz funktioniert, hat auch mit den baulichen Qualitäten des Ausgangsobjekts zu tun. Als ehemaliges Bürogebäude verfügte das Tragwerk über ausreichende Lastreserven für die neue Wohnnutzung. Die Deckenhöhen ließen es zu, auf mechanische Zuluft zu verzichten. Und das Stützenraster erwies sich als flexibel genug, um eine Vielzahl unterschiedlicher Wohnungstypen zu ermöglichen. Die Rippendecken wurden freigelegt, nicht kaschiert, nicht abgehängt. So entstehen Raumhöhen, die über den Standard heutiger Wohnungsneubauten hinausgehen.


Fassade als städtebauliche Geste


Die größte gestalterische Intervention betrifft die Außenhaut. Dem Hochhaus wurden auf beiden Längsseiten Loggien vorgelagert, deren Brüstungen mit einer mehrfarbigen Keramikbekleidung versehen sind. Das abstrakte Muster greift die Vegetation des angrenzenden Parks am Sankt-Gebhard-Platz auf und führt Nuancen der Umgebung ins Gebäude fort. Die Stirnseiten dagegen sind mit einer Kupferfassade ruhig gehalten. Durch diesen Kontrast mildert die Neugestaltung die frühere Dominanz des Turms, ohne seine Präsenz im Stadtraum zu leugnen.


Am Sockel des Turms entstehen zum Park hin zwei transparente, pavillonartige Bauten unter einem filigranen Betondach, dessen Brettschalung ein Verfahren aus der ursprünglichen Bauzeit aufgreift. Die Pavillons nehmen öffentliche Nutzungen auf, darunter ein Restaurant und ein Pilates-Studio. Die Platzfläche ist durch Vegetation aufgebrochen, die sich an einzelnen Stellen durch das Pflaster schiebt und so den Platz mit dem angrenzenden Grünraum verzahnt.


Auf der gegenüberliegenden Seite entstehen zwei frei platzierte Zeilenbauten mit weiteren Wohnungen, die zwischen dem Hochhaus und seinen Nachbarn vermitteln. Durch diese gezielten Eingriffe wird der zuvor isolierte Baukörper sowohl räumlich als auch funktional in den Stadtkontext eingebunden.


Kintsugi als Entwurfsprinzip


Sauerbruch hutton beschreiben ihre Herangehensweise mit dem japanischen Prinzip des Kintsugi: Reparaturen werden nicht verborgen, Brüche sichtbar gemacht und dadurch aufgewertet. Besonders deutlich wird das in der Lobby, wo Vorhandenes und Ergänztes aufeinandertreffen. Die Oberflächen der ursprünglichen Materialien, Beton der tragenden Bauteile, wieder eingebaute Schieferplatten, bleiben sichtbar und erzählen von der Geschichte des Gebäudes.


Diese Haltung setzt sich in den Wohnungen fort. Der zentrale Wohnraum ist loftartig angelegt, Schlafzimmer und Nebenräume sind kompakt organisiert. Räume entlang der Fassade lassen sich über Schiebetüren flexibel verbinden oder trennen. Die vorgelagerten Loggien mit Holzverkleidung und beweglichen Glasschiebeelementen erweitern jede Wohnung um einen Außenraum mit Ausblick über den Bodensee bis zu den Alpen.


Ein Modell für die Praxis


Das Projekt in Konstanz ist kein Einzelfall, aber ein besonders gut dokumentiertes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Bauherr und Architekt bereit sind, den Bestand als Ressource zu begreifen statt als Hindernis. Die Zahlen sprechen für sich: 93 Prozent Rohbauerhalt, knapp 2.300 Tonnen CO2-Einsparung, 98 neue Wohnungen in einer Stadt, in der Wohnraum knapp ist. Und ein Gebäude, das nach Jahrzehnten als Fremdkörper nun erstmals Teil des Stadtgewebes ist.


Für Architekten, die mit Bestandsgebäuden arbeiten, liefert das Projekt konkrete Argumente: Die Lastreserven von Bürotragwerken, die Flexibilität älterer Stützenraster, die Raumhöhen jenseits heutiger Normen. All das sind Qualitäten, die im Neubau kaum noch realisierbar wären. Adaptive Re-Use ist in Konstanz kein Kompromiss, sondern die bessere Lösung.

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