Nach zwanzig Jahren Stillstand: Das Kaiserviertel nimmt Gestalt an
Zwanzig Jahre Leerstand, dann der Wendepunkt
Wer auf der A661 in Richtung Offenbach fährt, kennt das Bild: Zwei ausgehöhlte Hochhäuser ragen am Kaiserlei-Kreisverkehr in den Himmel – die Fassaden verwittert, die Fensteröffnungen leer.
Die Türme der ehemaligen Kraftwerk Union (KWU), einer Siemens-Tochtergesellschaft, stehen seit rund zwei Jahrzehnten leer. Lange galten sie als Sinnbild für gescheiterte Stadtentwicklung, für zähe Verhandlungen und fehlende Investitionsbereitschaft. Damit ist es nun vorbei. Im Mai 2026 beginnt der Rückbau, und mit ihm eine der ambitioniertesten Quartiersentwicklungen im Rhein-Main-Gebiet.
Den entscheidenden Schritt hatte die ABG Frankfurt Holding im November 2025 vollzogen, als sie das Grundstück von der Adler Group übernahm. Damit war der Weg frei für ein Projekt, das seit Jahren in der Schublade lag. Ende März 2026 reichte die ABG die Anzeige der Abbrucharbeiten bei der Stadt Offenbach ein. Nach Ablauf der gesetzlichen Frist sollen die Arbeiten Mitte Mai anlaufen, sichtbare Rückbaumaßnahmen sind ab Ende Mai vorgesehen. Das Ziel: Bis zum Jahresende sollen beide Hochhäuser vollständig verschwunden sein.
Wie man ein Hochhaus abbaut, ohne die Nachbarschaft zu belasten
Für Architekten und Bauplaner ist das gewählte Rückbauverfahren besonders aufschlussreich. Die beauftragte Becker Sanierungstechnik GmbH setzt nicht auf Sprengung, sondern auf ein kontrolliertes, abschnittsweises Vorgehen. Die Gebäude werden geschossweise von oben abgetragen. Bauteile werden segmentiert, per Kran auf den Boden gebracht und dort weiterverarbeitet. Erst wenn die Türme eine geringere Höhe erreicht haben, kommt maschineller Abbruch zum Einsatz. Dieses Verfahren minimiert Erschütterungen, reduziert Lärm- und Staubentwicklung und erlaubt eine gezielte Trennung der Materialfraktionen.
Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit dem Abbruchmaterial: Es verbleibt vollständig auf der Baustelle und wird vor Ort für die anschließenden Neubauarbeiten aufbereitet. ABG-Geschäftsführer Frank Junker betonte diesen Ansatz ausdrücklich. Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft ist das ein Modell, das Schule machen könnte. Ressourcen werden nicht abtransportiert und entsorgt, sondern direkt in die Folgenutzung überführt.
Ein Quartier mit Anspruch: Wohnen, Arbeiten, Nahversorgung
Was auf dem freigelegten Areal entstehen soll, ist ein gemischt genutztes Stadtquartier, das den Namen Kaiserviertel tragen wird. Das Frankfurter Architekturbüro Albert Speer und Partner (AS+P) hat das städtebauliche Konzept entwickelt. Geplant sind insgesamt sieben Gebäude: vier achtgeschossige Wohnhäuser mit begrünten Innenhöfen sowie drei Hochpunkte mit bis zu 19 Stockwerken, die das Quartier räumlich gliedern und ihm Identität verleihen sollen.
Die Wohnungszahlen sind beachtlich: Rund 1.179 Mietwohnungen sind vorgesehen, davon ein erheblicher Anteil mit sozialer Bindung. Etwa 30 Prozent der Wohnfläche entfallen auf studentisches Wohnen, konkret 354 Wohnheimplätze, die vom Land Hessen gefördert werden. Weitere zehn Prozent sind für Menschen mit geringerem Einkommen reserviert. Die Offenbacher Wohnungsbaugesellschaft GBO hat eine Kaufoption für rund 100 dieser Einheiten vereinbart. Der durchschnittliche Mietpreis soll bei rund 20 Euro pro Quadratmeter liegen.
Neben dem Wohnen sieht das Konzept Büroflächen von mehr als 4.200 Quadratmetern entlang der Strahlenberger Straße vor. Ergänzt wird das Angebot durch einen Supermarkt, eine Kindertagesstätte, ein Hotel sowie ein Parkhaus. Die Erschließung erfolgt über die Strahlenberger Straße, die das Areal direkt mit der S-Bahn-Station Kaiserlei und der Frankfurter Stadtgrenze verbindet. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf mehr als 500 Millionen Euro.
Städtebauliche Signalwirkung für die Region
Offenbachs Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) sprach von einem lange ersehnten Aufbruch. Das neue Kaiserviertel werde den Dienstleistungsstandort Kaiserlei insgesamt aufwerten und dem Eingang der Stadt ein neues Gesicht geben. Auch Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef betonte die Bedeutung des Projekts für die regionale Zusammenarbeit beider Städte beim Thema Wohnraumschaffung.
Für Architekten und Stadtplaner ist das Kaiserviertel ein Lehrstück in mehrfacher Hinsicht: Es zeigt, wie ein jahrzehntelang blockiertes Areal durch einen Eigentümerwechsel und politischen Willen wieder in Bewegung geraten kann. Es demonstriert, wie Rückbau und Neubau als integrierter Prozess gedacht werden können. Und es macht deutlich, welche Anforderungen an gemischt genutzte Quartiere heute gestellt werden: soziale Durchmischung, Energieeffizienz, Freiraumqualität und eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Ob der ambitionierte Zeitplan bis 2029 hält, wird die Branche aufmerksam verfolgen.
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