Stahl schützt Stahl: JSWD gewinnen Wettbewerb für Schutzdach auf Zollverein
Ein Denkmal, das Schutz braucht
Die Kokerei Zollverein in Essen ist kein Museum im herkömmlichen Sinne. Sie ist eine Maschine, die man betreten, begehen und begreifen kann. Über 300 Koksöfen, entworfen vom Architekten Fritz Schupp, reihen sich auf einer Länge von rund 600 Metern aneinander. Gemeinsam mit der benachbarten Zeche Zollverein gehört die Kokerei seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Doch das industrielle Erbe leidet: Witterungseinflüsse setzen den historischen Bauteilen zu, Regenwasser dringt ein, Korrosion schreitet voran. Die Stiftung Zollverein hat deshalb 2026 einen Realisierungswettbewerb für ein Schutzdach ausgelobt, das die gesamte Anlage überspannen soll.
Den ersten Preis gewann das Kölner Büro JSWD Architekten, das in einer Planungsgemeinschaft mit der Düsseldorfer kevee Consulting GmbH (Tragwerk) antrat. Ihr Entwurf überzeugte die Jury durch einen Ansatz, der im Denkmalpflege-Kontext selten so konsequent umgesetzt wird: minimale Eingriffe, maximale Wirkung.
Sechs Einzeldächer statt einer großen Hülle
Der Entwurf verzichtet auf ein durchgehendes Dach über der gesamten Anlage. Stattdessen entstehen zwischen den dominanten Kohletürmen sechs Einzeldächer, deren Rhythmus die historischen Gasfackeln aufgreift. Die Dächer sind filigran gehalten, mit leicht abgerundeten Ecken und einem zurückhaltenden Rand. Sie treten bewusst in den Hintergrund, um die Koksofenbatterie selbst in den Vordergrund zu rücken.
Die Belichtung der begehbaren Flächen darunter erfolgt durch Perforierungen im nahezu opaken Dach, die in ihrer Größe den Ofendeckeln entsprechen. Diese Öffnungen sind kein gestalterisches Beiwerk, sondern ein didaktisches Mittel: Sie machen den Maßstab und den Rhythmus der Anlage sinnlich erfahrbar. Wer unter dem Dach steht und durch eine dieser Öffnungen nach oben blickt, begreift die Dimensionen der industriellen Maschine auf eine unmittelbare Weise, die kein Schild und keine Ausstellungstafel ersetzen kann.
Material mit Geschichte: Stahl aus dem Ruhrgebiet
Die Wahl des Materials ist bei einem Projekt dieser Art keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Haltungsfrage. JSWD entschied sich für Stahl, und das aus mehreren Gründen. Stahl verweist auf die Geschichte der Anlage: Der hier produzierte Koks diente überwiegend der Stahlproduktion im Ruhrgebiet. Das neue Schutzdach wird so selbst zu einem stillen Zeugnis dieser Produktionskette.
Darüber hinaus ist Stahl das Material, das am wenigsten fremd in diesem Ensemble wirkt. Runde Stützenprofile nehmen die Geometrie der zahlreichen Leitungen, Kamine und Öffnungen der Kokerei auf. Die Tragkonstruktion besteht aus gleichmäßig angeordneten Stahlrahmen mit einer Stützweite von rund neun Metern in Querrichtung und beidseitigen Auskragungen von je etwa fünf Metern. Sekundärträger spannen zwischen den Rahmenbindern und tragen die Dachhaut.
Besonderes Gewicht legt der Entwurf auf Nachhaltigkeit: Eingesetzt wird CO2-reduzierter Stahl aus dem Ruhrgebiet, der durch einen hohen Recyclinganteil auf Eisenerz und Kohle verzichtet. Derzeit sind damit rund 70 Prozent CO2-Einsparung gegenüber konventionellem Stahl möglich. Das Material ist nach einem eventuellen Rückbau vollständig recyclingfähig und fügt sich damit in das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ein. Auf der Dachoberfläche ist zudem eine großflächige Belegung mit Photovoltaikmodulen vorgesehen.
Serialität als Entwurfsprinzip
Was den Entwurf von JSWD besonders auszeichnet, ist die konsequente Übernahme der Serialität der Koksofenbatterie in die Sprache des Neubaus. Die Anlage lebt von Wiederholung, von Modul und Rhythmus. Das Schutzdach übernimmt dieses Prinzip, ohne es zu imitieren. Es fügt sich ein, ohne sich anzubiedern. Feine Fugen auf der Dachoberfläche erinnern an die historische Querteilung der Öfen und betonen die modulare Struktur der Gesamtanlage.
Die Höhe des Daches entspricht dem vertikalen Hohlraum der Öfen selbst, was deren Dimensionen räumlich erfahrbar macht. Dieser Bezug auf den Bestand ist kein formales Zitat, sondern eine inhaltliche Aussage: Das Schutzdach versteht sich als Erweiterung der Anlage, nicht als Überbauung. Für Architekten, die im Bereich Denkmalpflege und Industriekultur tätig sind, ist dieser Entwurf ein bemerkenswertes Referenzprojekt für die Frage, wie man schützt, ohne zu dominieren.
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