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Tucherpark München: Masterplan und KI-Fabrik formen neues Stadtquartier

Manchmal entscheidet sich die Zukunft eines Quartiers nicht an der nächsten Fassade, sondern im Untergrund. Im Münchner Eisbachviertel trifft aktuell beides zusammen. Oben wird ein Masterplan vorgestellt, der den Tucherpark vom reinen Bürocampus zu einem lebendigen Stadtbaustein umbauen soll. Unten geht eine technische Anlage in Betrieb, die eher an Industrie als an Stadtquartier erinnert und dennoch genau dort hingehört: ein modernisiertes unterirdisches Rechenzentrum, das als KI-Fabrik für Unternehmen und öffentliche Nutzer dienen soll.

 

Für Sie als Architektin Architekt oder Bauplaner ist das Projekt aus zwei Gründen spannend. Erstens zeigt es, wie Revitalisierung im Bestand inzwischen zur Königsdisziplin wird, mit Denkmalpflege, Energie-Umbau im laufenden Betrieb und einer komplexen Beteiligungskultur. Zweitens macht der Tucherpark sichtbar, dass digitale Infrastruktur nicht mehr nur ein technisches Add on ist, sondern städtebauliche Konsequenzen hat: von Kühlkonzepten über Abwärmenutzung bis hin zu Mobilität und Versorgungssicherheit.

 

Ein Masterplan als Scharnier zwischen Erbe und Neuerfindung

 

Der Tucherpark wurde Ende der 1960er Jahre als Bürozentrum entwickelt. Nun liegt ein Gesamtkonzept vor, das erstmals in Gänze vorgestellt wurde und als Grundlage für den künftigen Bebauungs- und Grünordnungsplan dienen soll. Entstanden ist es in einem kooperativen Verfahren mit Stadt, Behörden, Politik, Fachleuten, Verbänden sowie Bürgerinnen und Bürgern. Das ist mehr als ein formaler Hinweis. Denn gerade bei großen Bestandsarealen entscheidet die Qualität der Abstimmung darüber, ob ein Plan später tragfähig bleibt oder an Einzelinteressen zerreibt.

 

Inhaltlich setzt der Masterplan auf eine deutliche Öffnung und Mischung. Geplant sind Büroflächen für rund 4000 Arbeitsplätze, dazu etwa 600 Wohnungen mit hohem Mietwohnanteil und sozialer Bindung. Erdgeschosszonen sollen belebt werden, ergänzt um

 

Gastronomie, Kultur sowie Sport und Gesundheitsangebote. Hinzu kommen soziale Infrastrukturen wie Kindertagesstätten. Schon jetzt wird ausprobiert, wie Öffentlichkeit funktioniert: auf dem ehemaligen Sportareal laufen Fitnessangebote, auf umgenutzten Tennisplätzen wird Padel gespielt.

 

Bemerkenswert ist der Fokus auf Bestand und Landschaft. Über 1000 Bäume sollen weitgehend erhalten bleiben. Teile des Gebäudebestands stehen als Einzeldenkmal unter Schutz. Der Ansatz lautet nicht Abriss und Neubau, sondern denkmalgerechte Revitalisierung und Weiterentwicklung. Das bedeutet für die Planung viel Detailarbeit: energetische Ertüchtigung, bauphysikalische Nachweise, flexible Nutzungen, Umplanung von Gebäudetiefen und Erschließungen, dazu die Koordination vieler Bauabschnitte bei laufender Nutzung.

 

Energie als Quartiersdisziplin

 

Der zweite Blick gilt der Energie. Im Tucherpark wird Nachhaltigkeit nicht nur über Dämmwerte oder Photovoltaik diskutiert, sondern über ein System aus mehreren Quellen. Solar und Wasserkraft werden genannt, ebenso die Nutzung von Abwärme aus dem bestehenden Datacenter und Regenwasser. Ziel ist ein klimaneutraler Gebäudebetrieb im gesamten Viertel.

 

Für Planerinnen und Planer steckt darin eine klare Botschaft: Quartiersentwicklung wird immer öfter als Infrastrukturaufgabe verstanden. Wer heute über Nutzungsmischung spricht, muss zugleich über Wärmenetze, Kühlkapazitäten, Speicherkonzepte und Wasser sprechen. Besonders anspruchsvoll ist das Ganze, weil Leitungswege, Technikflächen und Schutzzonen nicht frei planbar sind, sondern mit vorhandenen Strukturen und denkmalpflegerischen Anforderungen verzahnt werden müssen.

 

Unter der Erde: die KI-Fabrik als Baustein der Stadtentwicklung

 

Parallel zur Masterplanung geht im Tucherpark ein Rechenzentrum in neuer Funktion an den Start. Es handelt sich um ein ehemaliges Datacenter mit rund 10700 Quadratmetern Fläche, das entkernt und modernisiert wurde. Die Anlage liegt unterirdisch auf mehreren Ebenen, insgesamt sechs Stockwerke tief. Genutzt wird sie als Industrial AI Cloud. Die Telekom spricht von einer der größten KI-Fabriken in Europa und vom größten KI-Rechenzentrum in Deutschland.

 

Im Vollausbau sollen rund 10.000 Grafikprozessoren des Partners Nvidia eingesetzt werden. Genannt wird eine Rechenleistung von bis zu 0,5 ExaFLOPS. Unternehmen können damit KI-Modelle trainieren, Simulationen durchführen und digitale Zwillinge aufbauen. Für die Industrie ist das ein Versprechen auf Tempo: erst virtuell testen, dann real bauen oder produzieren. Als Nutzer werden unter anderem Agile Robots und PhysicsX genannt. Die Anlage ist mit den bisherigen Kunden bereits über ein Drittel ausgelastet. Die Investition wird mit mehr als einer Milliarde Euro beziffert.

 

Warum ist das für Sie relevant? Weil sich hier die Grenzen verschieben. Rechenzentren waren lange Sonderfälle, oft am Stadtrand. Im Tucherpark liegt die Anlage innerstädtisch und wird als Standortvorteil begründet: kurze Datenlaufzeiten für große Industrieunternehmen und Forschung, dazu Nähe zu potenziellen Kunden. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Erschließung, Sicherheit und Betrieb. Der Zugang ist streng geregelt, Film und Foto sind im Kernbereich untersagt. Transporte laufen über Lastenaufzüge und enge Verbindungsgänge. Auch das ist Teil der Planung: Logistik und Sicherheitszonen sind nicht nachrangig, sie bestimmen Grundrisse und Bauabläufe.

 

Wärme und Kühlung: der Eisbach als technische Schnittstelle

 

Besonders interessant ist die Einbindung in das Energiegefüge des Quartiers. Die Anlage entwickelt enorme Abwärme. Diese soll perspektivisch genutzt werden, um das Quartier zu beheizen, einschließlich Wohnungen und dem in Sanierung befindlichen Hotel. Zugleich wird für die Kühlung ein Konzept genannt, das auf Wasser aus dem nahegelegenen Eisbach setzt. Über Wärmetauscher wird die Kälte nutzbar gemacht, ohne dass Eisbachwasser direkt mit dem Inneren der Anlage in Berührung kommt. Das Rechenzentrum soll vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben werden und auf hohe Energieeffizienz ausgelegt sein.

 

Für Planerinnen und Planer ist das ein praktisches Lehrstück. Rechenzentren werden zu Energielieferanten. Wer Quartiere plant, kann Abwärme nicht mehr nur als Problem sehen, sondern als Ressource. Gleichzeitig erhöht sich die Komplexität: wasserrechtliche Fragen, Redundanzanforderungen, Betriebssicherheit, Lärmschutz, technische Gebäudeausrüstung auf einem Niveau, das eher an Industrieanlagen erinnert als an klassische Bürogebäude.

 

Baufortschritt und Zeitachse: erste Flächen ab 2026

 

Während im Untergrund die Technik schon läuft, geht es an der Oberfläche schrittweise weiter. Erste Baumaßnahmen haben begonnen, etwa an einem ehemaligen IBM Haus, am Terrassenhaus sowie am Kiessler Bau als Einzeldenkmal. Erste neue Büroflächen sollen Ende 2026 bezugsfertig sein. Das Hotel wird umfassend umgeplant und erneuert und soll 2029 wieder eröffnen. Das sind konkrete Fixpunkte, an denen sich auch die Honorar- und Leistungsplanung in Etappen ausrichten muss, mit Schnittstellen zwischen Revitalisierung, Neubau und laufendem Betrieb.

 

Fazit: Ein Quartier, das zeigt wohin die Reise geht

 

Der Tucherpark steht exemplarisch für eine neue Art von Stadtentwicklung. Es geht nicht mehr nur um die Frage, was gebaut wird, sondern wie ein Areal als System funktioniert. Bestandserhalt und Denkmalpflege werden nicht als Bremse verstanden, sondern als Ausgangspunkt. Nutzungsmischung wird mit sozialer Infrastruktur verknüpft. Und digitale Infrastruktur rückt in die Mitte des Quartiers, mit Folgen für Energie, Mobilität, Sicherheit und Bauablauf.

 

Für Sie liegt der Mehrwert darin, das Projekt als Blaupause zu lesen: Wer künftig Quartiere plant oder umbaut, wird häufiger mit Rechenzentren, Abwärmenetzen, wasserbasierten Kühlkonzepten und Datensouveränität als Standortargumenten zu tun haben. Der Tucherpark macht diese Entwicklung greifbar, weil er Masterplan und Maschinenraum in einem ist.

 

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