Wenn der Supermarkt zur Stadtfarm wird: Das Green-Farming-Konzept von REWE in Lankwitz
Wer den neuen REWE-Markt an der Malteser Straße in Berlin-Lankwitz betritt, steht zunächst vor einer Holzkonstruktion, die sich deutlich von allem unterscheidet, was der Lebensmittelhandel bislang zu bieten hatte. 72 Stützen aus gestapelten Nadelholzbalken tragen die Halle, sieben Meter hoch, im Achsabstand von acht Metern. Die Haustechnik liegt offen unter der Decke. Keine Verkleidung, keine Kaschierung. Was das Gebäude trägt und was es am Laufen hält, ist für jeden Besucher sichtbar.
Genau das war Absicht. Der Markt soll zeigen, wie Bauen und Betreiben zusammengedacht werden können.
Holz als Baumaterial mit Zukunft
Das Tragwerk besteht aus rund 1.100 Kubikmetern Nadelholz, überwiegend Fichte aus Deutschland und Österreich. Damit steckt dreieinhalb Mal so viel Holz in diesem Bau wie in den bisherigen REWE Green Buildings. Im verbauten Holz sind nach Unternehmensangaben rund 930 Tonnen CO2-Äquivalente gebunden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge, sondern die Logik dahinter: Alle Verbindungen im Tragwerk wurden mit Schrauben hergestellt, auf dauerhafte Leim- oder Klebeverbindungen wurde vollständig verzichtet. Das ermöglicht eine spätere Demontage und Wiederverwendung der Bauteile, als Baumaterial, als Möbelholz oder, wenn nichts anderes mehr möglich ist, als Brennstoff.
Klaus Wiens, Funktionsbereichsleiter Filialbau bei REWE, fasst den Anspruch zusammen: „Unsere neue Green-Building-Serie ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie die Zukunft des Bauens aussehen muss: kreislauffähig, mit der richtigen Materialwahl und immer mit Blick auf die Umweltauswirkungen.” Über den gesamten Lebenszyklus sollen im Holz 930 t CO_2-Bindung eingespart werden.
Bemerkenswert ist auch, dass der Markt der erste im REWE-Netz ist, der vollständig nach der BIM-Methode geplant wurde. Dabei entstand das Gebäude bereits vor dem ersten Spatenstich als digitaler Zwilling, was eine dreidimensionale, datengetriebene und kollaborative Planung ermöglichte. Für Architekten und Planer, die mit dem Handelssektor arbeiten, ist das ein Signal: Die Branche nimmt digitale Planungsmethoden ernst, auch im Bereich des Einzelhandels.
Dachfarm als funktionaler Bestandteil des Gebäudes
Was den Markt in Lankwitz jedoch von allen anderen Holzbau-Supermärkten unterscheidet, liegt auf dem Dach. Auf 2.760 Quadratmetern betreibt die Frisch vom Dach GmbH, eine Tochtergesellschaft von ECF Farmsystems, Deutschlands größte Supermarkt-Dachfarm. Die Anlage arbeitet hydroponisch, also nahezu ohne Erde. Die Pflanzen stehen in Töpfen auf Schienentischen, durch die eine Nährlösung fließt. Was nicht verbraucht wird, läuft zurück in den Kreislauf. Das Frischwasser kommt aus einer 200 Kubikmeter fassenden Regenwasserzisterne auf dem Dach.
Der Produktionsprozess ist weitgehend automatisiert. Im Erdgeschoss werden Keimtrays bestückt und für zwei Tage in eine Keimkammer gebracht. Dann geht es per Aufzug auf das Dach, wo die Trays in das laufende Fördersystem eingespeist werden. Nach 21 Tagen Wachstumszeit erreichen die Pflanzen die Erntemaschine, werden innerhalb einer Stunde auf vier Grad heruntergekühlt und gelangen dann in den vollautomatisierten Verpackungsraum im Erdgeschoss.
Das Ergebnis: hochgerechnet bis zu 900.000 Salatmischungen pro Jahr. Vermarktet wird der Salat unter dem Namen „Lankwitzer Pflücksalat”. Ein Teil des Salats geht direkt in den Markt darunter, der Rest wird über das Regionallager in Oranienburg an bis zu 500 Supermärkte in der Hauptstadtregion verteilt.
Energiekonzept ohne fossile Brennstoffe
Das Gebäude kommt ohne Gasanschluss aus. Die Wärmeversorgung übernimmt eine CO2-Wärmepumpe, ergänzt durch die Abwärme der Kälteanlagen. 200 Photovoltaikmodule auf dem Dach decken einen Teil des Strombedarfs, der Rest kommt aus erneuerbaren Quellen. Die Lüftungsanlage läuft bedarfsabhängig über CO2-Messung statt dauerhaft, alle Kühltheken sind verglast.
Auch die Außenanlagen folgen einem durchdachten Konzept: Die 98 Stellplätze sind mit versickerungsfähigem Pflaster befestigt, vier Schnellladesäulen stehen für Elektrofahrzeuge bereit.
Architektur mit historischer Referenz
Acme hat dem Gebäude eine unerwartete gestalterische Geste mitgegeben. Die Metallverkleidung der Serviceriegel orientiert sich in Form und Materialsprache an den Gleitflugapparaten von Otto Lilienthal, der seine Versuche auf einem Hügel rund zwei Kilometer vom heutigen Marktstandort entfernt durchführte. Eine diskrete, aber präzise Setzung, die den Ort in die Architektur einschreibt, ohne dabei aufdringlich zu wirken.
Pilotprojekt mit Serienanspruch
Der Markt in Lankwitz ist nicht als Einzelprojekt gedacht. Seit 2009 hat REWE mehr als 350 Green Buildings realisiert und weitere sind in Planung. Das Green-Farming-Konzept mit integrierter Dachfarm soll diesen Bestand perspektivisch ergänzen und in die Breite gehen. Vorstand Peter Maly macht das unmissverständlich klar: „Unsere neue Supermarkt-Generation geht jetzt in Serie. Dank der modularen Bauweise können wir die Dachnutzung optimal an den Standort anpassen. Wir planen bereits weitere Holzbau-Märkte in Deutschland.”
Dass das Konzept trägt, hat der Wiesbadener Pilotmarkt von 2021 bereits bewiesen. Der Berliner Markt setzt diese Linie fort und erhielt bereits die Auszeichnung „Klimaschutzpartner Berlin 2025″ der IHK. Für Architekten und Bauplaner, die im Bereich Gewerbe und Einzelhandel tätig sind, lohnt es sich, dieses Projekt genau zu beobachten. Es zeigt, wie Kreislauffähigkeit, urbane Landwirtschaft und konsequenter Holzbau in einem kommerziellen Kontext zusammenwirken können, und zwar nicht als Experiment, sondern als Serienmodell.
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